Flügelverleih meets Hattie

12. August 2011

Kunden und Menschenbild

Abgelegt unter: Menschenbild — heinz.bayer @ 11:04

Unsere Kunden

Wir sind ein Landgymnasium. Wir haben Kunden, die von den verschiedensten Grundschulen mit den verschiedensten Grundlagen kommen. Und wie bei jeder Schule aus den verschiedensten Familien mit den verschiedensten Vorstellungen von der Bedeutung von Arbeitshaltung. Wenn wir den Grundschulen einen Rat geben dürften, dann würde der heißen: Egal, welche pädagogischen Vorstellungen ihr umsetzt: Achtet auf die Arbeitshaltung. Denn die Arbeitshaltung, das verfolge ich seit 15 Jahren in all meinen 5. Klassen, denen ich als Klassenlehrer Arbeitshaltungszeugnisse von den Fachkolleg/innen ausstellen lasse – die Arbeitshaltung in der 5. und 6. Klasse ist zu 90% der wesentliche Indikator für den Erfolg beim Abitur. Wer in 5 und 6 nicht mit der richtigen Arbeitshaltung in seinem Schülerleben herumläuft, der wird in der pubertären Phase 7 bis 9 auch nicht zu der richtigen Haltung finden und nach 5 Jahren verläpperter Lernzeit reicht ein Durchstarten nicht mehr aus, um wirklich erfolgreich zu sein.

Also geht es genau darum: Wir bekommen junge Kunden mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Arbeitshaltungen. Unproblematisch sind alle Kunden mit mittelmäßigen bis sehr guten Fähigkeiten samt guter bis sehr guter Arbeitshaltung. Unsere Problemkunden sind die guten bis schwachen Fünftklässler/innen mit schlechter Arbeitshaltung. Fünftklässler/innen mit sehr guten schulischen Fähigkeiten und einer schlechten Arbeitshaltung können erfahrungsgemäß immer am Rande segeln ohne abzustürzen, weil sie immer genügend Kapazitäten übrig haben. Auch um sie muss man sich keine Gedanken machen – wenn man das Erreichen des Abiturs als einziges Ziel ansieht.

Das Ziel des Gymnasiums

Abitur – klar doch.

Aber das reicht natürlich bei Weitem nicht aus. Wenn in manchen Städten inzwischen fast die Hälfte eines Jahrgangs den gymnasialen Weg beschreiten, muss man mehr mitnehmen als nur das Reifezeugnis. Ich bin seit 30 Jahren ein Biographienverfolger. Höre mir unentwegt die Entwicklungsgeschichten an, wenn ich beim Abiball oder  beim OpenAir auf Ehemalige treffe. Und auch da ist es ganz klar: Wer aus der Schule die richtige Arbeitshaltung mit ins Studien- und Berufsleben nimmt, der macht seinen Weg überwiegend problemlos. Wenn ich es in eine kurze Formel packen müsste, was denn das Ziel der gymnasialen Ausbildung sein soll, würde ich 3 Dinge nennen: Selbstbewusstsein, Arbeitshaltung, Abitur.

Oder: Selbstbewusstsein, Arbeitshaltung und rechtzeitig einen anderen schulischen Weg eingeschlagen. Denn Abitur ist eben nicht alles. Schwaches Abitur, verkümmertes Selbstbewusstsein und nie gelernte stimmige Arbeitshaltung sind ein erbärmliches Sprungbrett ins Leben nach der Schule.

Das Menschenbild einer erfolgreichen Schule

Jeder Erwachsene war einmal Schüler. Schüler sind also in erster Linie einmal ganz normale Menschen, die später zu ganz normalen Erwachsenen werden. Wer das Schülerleben mit dem Abitur abschließt, wird in Normalfall beruflich Juristin, Betriebswirt, Ärztin, Mikrosystemelektroniker, Bauingenieurin, Architekt, Professorin, Wissenschaftler, Lehrerin, Informatiker usw usw. Also irgendwie ganz schön viel Persönlichkeit. Gesellschaftlich gesehen. Stellt sich die eine Frage: Wie viel Persönlichkeit von seiner späteren Erwachsenenpersönlichkeit besitzt ein junger Mensch schon in der 5. Klasse? Gute Schule macht sich klar: Fast alles. Nur verpackt. Ganz dick eingepackt und noch nicht mit dem nötigen Wissen und der nötigen Lebenserfahrung ausgestattet. Aber ansonsten: 30 Persönlichkeiten dick verpackt und noch nicht erkennbar, welche Persönlichkeiten da in so einer Klasse sitzen. Wie lange es dauern wird, bis sie zum Vorschein kommen. Bei manchen schon in der Schule, bei anderen erst Jahre später. Aber egal wie wild und verwegen sie verpackt im Unterricht sitzen: „Es sind die zukünftigen Leistungsträger, die man unterrichtet und als Kunden zu behandeln hat. Auch wenn das je nach Verpackung manchmal äußerst schwierig ist. Und dann sollte man noch darauf achten, dass, egal wie dick verpackt, in der Verpackung die Persönlichkeit erhalten bleibt. Und gleichzeitig das persönliche Wissen und die Lebenserfahrung positiv entwickelt werden. Da dies im normalen Schul-Alltag eine Utopie für jeden einzelnen Lehrer und jede einzelne Unterrichtsstunde ist, muss man auf ein Schulbetriebssystem setzen, das die folgenden Überlegungen kontinuierlich vermitteln kann: Nimm die Lehrer mit ihren Ecken und Kanten. Erwarte nicht, dass sie es alle schaffen, dich in einer Ummantelung emotional so zu erreichen, dass du immer gerne lernst und konzentriert aufpasst. Verlasse dich in erster Linie genau auf dich selbst. Du besitzt genügend eigene Persönlichkeit, um die fachliche Kompetenz deiner Lehrer zu nutzen. Genieße die Lehrer, zu denen du den richtigen Draht bekommst, aber verzweifle nicht an denen, die dir nicht so liegen. Es gibt immer ein Gesamtsystem Schule, das dich stützt, berät und deine Qualitäten schätzt. Auch wenn die Noten vielleicht nicht so gut sein sollten.“

Das ist es, was Schule insgesamt vermitteln können sollte. Die Relativität der Noten. Wie viele Fachleute, die früher in der Schule ihrem Fach gar nicht so gut waren. Da die gängigen Schulstrukturen nicht darauf angelegt sind, den einzelnen Schüler individuell fördern zu können, jeden auf seinem aktuellen Wissens- und Leistungsstand und jeden mit seiner eigenen Lerngeschwindigkeit und seiner eigenen Zieldefinition, muss man die Noten prinzipiell relativieren und als Betriebssystem Schule dauernd klar machen: Eine Drei minus in Klasse 9 Mathematik heißt nicht Drei minus als späterer Soziologe oder Verwaltungsfachmann. ( Übrigens: ich schließe bei Schüler natürlich immer Schülerin mit ein, bei Soziologe die Soziologin und beim Verwaltungsfachmann die Verwaltungsfachfrau. Mir ist es im Moment nur zu sperrig, Schüler/in oder Schülerin und Schüler zu schreiben und SchülerIn mag ich nicht.) Ich habe so viele lebenserfolgreiche Biographien erfahren, die „mittelmäßig“ in der Schule begannen, dass ich mich eigentlich wundere, dass das Prinzip der Relativität von Noten nicht schon lange in allen Köpfen ist. Von klein auf. Die Nachrichtensprecherin, die erst spät zu sprechen begann, der Profi-Fußballer, der erst spät zu laufen anfing, der Informatiker, der in Klasse 6 seine großen Probleme mit Zahlen hatte … Sie selbst können sicher auch bei sich genügend Bereiche finden, in denen Sie sich heute kompetent fühlen, in denen Sie in Ihrer Jugend noch kein Land sahen. Oder Ihre Noten so waren, dass Sie damals persönliche Schwachstellen vermuteten. Anstatt die unterschiedliche Entwicklung von uns Menschen in den verschiedensten Bereichen des Lebens als Grundlage mit einzubeziehen.

Nur ein Bruchteil unserer Fähigkeiten wird schulisch erfasst. Deshalb keine Angst vor der Drei minus. Die gehört zum grünen Bereich. Die Grenze Vier sollte man natürlich wenn möglich immer meiden, weil hinter der Vier die Fünf und damit die Versetzungsordnung schnell mal eine Rolle spielen kann. Das Zauberwort für alle, die Klasse fünf und sechs problemlos hinter sich gebracht haben: Arbeitshaltung. In der 5. Klasse haben wir zum Halbjahr Arbeitshaltungszeugnisse für alle erstellt. A wie sehr gut bis e wie sehr schlecht. Fast jede/r Lehrer/in hatte gepunktet. Vierstündige Fächer wurden doppelt gewertet.

Ob schwarz männlich oder weiblich ist, muss ich Ihnen sicher nicht erzählen. Zu diesem grundsätzlichen Problem später eine grundsätzliche Vision.

23. Juli 2011

Der heimliche Lehrplan

Abgelegt unter: Menschenbild — heinz.bayer @ 07:36

Sie fragen sich vielleicht manchmal beim Lesen, ob das, was ich hier so schreibe, denn Schüler verstehen könnten, wenn sie sich damit beschäftigen würden. Ob sie die Bildchen, die ich wöchentlich im Männerrevolteblog versenke, denn auch Schülern weiterhelfen könnte oder ob alles nicht nur die ausgeschmückte, uralte Variante von: „Du lernst nicht für die Schule, sondern für’s Leben“ Aussage ist, die zwar jeder Erwachsene aus der Erwachsenensicht sofort versteht, aber die an Jugendlichen normalerweise immer so abprallt.

Oder ob ich eben ein Blogger bin, der sich nur schöne Sachen ausdenkt, die bei Schülern nie ankommen können. Nur Faust-Eltern oder Schüler können ja meine vielen Sätze als Blogger mit meiner schulischen Wirklichkeit verbinden und beurteilen.

Ich gestehe, ich unterrichtsblogge eigentlich seit über 30 Jahren in jeder Klasse und Alterstufe mit wachsender Begeisterung. Und lasse meinen Unterricht und mein Unterrichtsbloggen schon immer am Ende des Schuljahres anonym bewerten. Damit ich von denen, die ich damit beriesle, lerne, wie ich mein Berieseln weiter optimieren kann. Unterrichtsbloggen verstehe ich so: Ich habe da einen Bildungsplan, den ich erfüllen muss. Der heißt für einen Physiklehrer in Klasse 7 zum Beispiel „Einstieg in die physikalische Gedankenwelt mit Hilfe  von Akustik, Optik und Energiefragen.“ Da sitzen also junge Menschen vor einem, deren Persönlichkeit ich als Erwachsener empfinden kann, wenn ich Sensoren dafür entwickle, wie Persönlichkeiten – noch dick eingepackt – in diesem Alter agieren. Dass da schon verpackte Persönlichkeiten sitzen, weiß jeder, der sich einmal gefragt hat, wie selbst Fünftklässler es schaffen können, einen ausgewachsenen Lehrer zur Verzweiflung zu bringen.  30 auch dick verpackte Persönlichkeiten haben die Kraft dazu. Da sitzen sie also und sind nicht so bildungshungrig, wie man das gerne hätte, obwohl man ja weiß, wie sehr sie später davon profitieren würden, wenn sie jetzt bei mir Physik satt einpacken könnten. Zumindest sich die Option offenhalten könnten, später Naturwissenschaften beruflich nicht auszugrenzen. Das Geschäft betreibe ich nun schon seit über 30 Jahren mit Visualisierungen an der Tafel, die ich dann oft sehr langatmig bespreche. Visualisierungen, die mir einfallen, wenn ich Unterricht vorbereite und ich nach neuen Motivationskicks suche, die es mir erlauben, kurz möglichst viele Schüler möglichst ernsthaft an meinen Physikunterricht heranzuführen. Ich beschreibe das einmal aus Schülersicht einer aktuellen 7. Klasse. 3 : 26 für mich, würde ich sagen. Aus den aktuellen anonymen Rückmeldungen. Zuerst die drei: „Ihre Bayer’schen Philosophie ist oft langweilig, andererseits hält es den Unterricht auf…“ schreibt ein Schüler. Männlich. In diesem Jahr in dieser Klasse muss es aber doch inzwischen richtig gut geklappt haben mit meinem heimlichen Lehrplan, denn nur noch 2 Mädchen (weiblich und männlich lasse ich immer notieren) beschreiben den heimlichen Bayer’schen Lehrplan etwa wie folgt: „Was Sie sagen, könnte man auch sehr viel kompakter sagen. Das „Gerede“ drum herum stört und lenkt von Tatsachen ab. Es wird langweilig. Außerdem sagen sie immer das Gleiche.“ Stimmt natürlich. Ich könnte sicher alles kompakter sagen, aber ich weiß aus der Erfahrung, durch die vielen Gespräche mit ehemaligen Schüler/innen, die ich natürlich alle immer unterrichtsgebloggt hatte, dass es eine erstaunliche Langzeitkomponente in dieser Methode gibt. „Ich muss dir was sagen. Ich verstehe jetzt genau, was du uns damals in der Elften versucht hast, uns über’s Leben beizubringen.“ hat mich vor vielen Jahren ein Jetzt-schon-lange-selbst-Vater begrüßt. „Es hilft mir übrigens sehr viel, wenn dich das beruhigt.“ Ja ich bin inzwischen wirklich sehr sicher geworden, dass es Sinn macht, was ich mit meinem heimliche Lehrplan bezwecke. Kontinuierliche Blickwinkelveränderungsversuche. Dieses Schalter umlegen und den eigenen Lernprozess verstehen, die Noten nicht so wichtig nehmen, dafür mehr auf den Wissenszuwachs setzen. Auf sich selbst vertrauen. Das ist immer die zentrale Aussage in den verschiedensten Variationen und Bildern. Deshalb hat die junge Dame aus der Siebsten mit ihrer Aussage „Außerdem sagen Sie immer das Gleiche.“ natürlich vollkommen recht. Aus der gleichen  Klasse habe ich dem gegenüber 26 Reflexionsblätter liegen, die schon jetzt verstehen und empfinden können, auf was es mir ankommt. „Mich nervt das viele Gerede ziemlich oft, aber ich merke schon irgendwie, dass ich so eigentlich mehr lerne. Bei mir bleibt so viel mehr hängen……“Ich finde es eigentlich ziemlich gut, wenn Sie uns etwas erzählen. Es bringt mich immer sehr zum Nachdenken & ich komme darauf, dass sie recht haben.“ Das funktioniert natürlich nur, wenn Schüler auch wirklich merken, dass man sie ernst nimmt. „… Sie behandeln Schüler mit Respekt. Ich finde, dadurch verschafft man sich als Lehrer auch selbst mehr Respekt….“ beschreibt eine Schülerin eine einfache Wahrheit auf klare Weise. “Mir bringt Ihre Unterrichtsart eigentlich ziemlich viel, weil es bringt mich zum Nachdenken & ich höre dadurch auch in Physik zu & ich denke nicht gleich, dass ich es eh nicht kann, sondern probier’s.”  – ” Mich nervt das viele Gerede ziemlich oft, aber ich merke schon irgendwie, dass ich so eigentlich mehr lerne. Bei mir bleibt so viel mehr hängen.” Ja genau das will ich ja. Ich könnte jetzt viele ähnliche Aussagen meiner Kunden einer 7. Klasse 2010/11 hier auslisten, ich belasse es aber mit einem männlichen Schlusswort: „Der Bayer redet sehr viel. Es ist zwar etwas nervig, aber eine sehr effektive Lehrmethode.“ Die Visualisierung der Woche, die ich für meine Schüler/innen, die ich jetzt vielleicht nie mehr unterrichte, an die Tafel gemalt hatte, will ich Ihnen nicht vorenthalten. Üblicherweise würden die meisten Menschen das erwachsen werden mit dem oberen Bild beschreiben. Wie das kontinuierliche Aufeinanderstapeln von vielen Entwicklungspaketen ab der Geburt. Und ich sage aus 35jähriger praktischer Erfahrung mit der Entwicklung von Fünftklässlern zu Müttern und Vätern und beruflichen Vollprofis: Den fettesten Anteil am Erwachsen sein macht die Persönlichkeit aus, die jemand in dieses Leben mitbringt. Sie ist noch dick eingemummt, verpackt, versteckt und blitzt nur ab und zu schon ganz früh durch den Kokon. Sie entwickelt sich in diesem Schutz und festigt sich, wenn die Bedingungen gut sind. Packt Wissen und Lebenserfahrung dazu. In der Pubertät wird der Kokon zum Panzer. Zum Stachelkorsett. Auch nach innen. Der Umbau des Gehirns in der Pubertät ist oft auch für den Rüstungsträger schmerzhaft. Na ja, und irgendwann, wenn die Zeit reif ist, und die ist bei den verschiedenen Menschen eben verschieden, das muss man zur eigenen Beruhigung als Eltern wissen, bröckelt die Verpackung und die Persönlichkeit plus Wissen plus Lebenserfahrung kommen zum Vorschein und man fragt sich oft, warum so eine Persönlichkeit denn bitteschön in der Schule irgendwelche Schwierigkeiten hatte. Na ja, Sie wissen was jetzt kommt. „Außerdem sagen sie immer das Gleiche…“ schrieb die eine Schülerin. Klar, wir Lehrer sind eben schuld gewesen. Der Schuldige gefunden und dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben. Und alles geht in die nächste Runde.

So jetzt hör ich auf mit dem „Labert er mal wieder Zeug, aber manchmal ganz interessant…“ Bereich meiner Gedanken und fange den Unterricht nach Lehrplan an. Aber da müssen Sie jetzt nicht mehr dabei sein. Nein Stopp. Eines muss ich noch loswerden. Leider ist das mit der geschützten Persönlichkeit im Kokon nicht ganz so einfach. Denn man muss in allen Entwicklungsbereichen gut auf diese Persönlichkeit aufpassen. Sonst kommt sie am Ende verbogen heraus. Das ist für viele von uns leider die bittere Lebenswahrheit. Dazu vielleicht später mehr gebloggt.

1. April 2011

Schubladen

Abgelegt unter: Entwicklung, Menschenbild, Noten — heinz.bayer @ 22:12

Ja, in Zeiten des Abiturs macht man sich als Altgedienter immer so seine Gedanken, wie Schule eigentlich heute läuft und wo falsch gedacht wird. Wo man nachbessern kann und wo von Menschen außerhalb der Schule die typischen Schubladen über dieselbe gezogen werden.

Eine der wichtigsten Schublade ist: „Der Lehrer hat mir das Fach vergrault, weil er mich nicht motivieren konnte. Deshalb bin ich so schlecht.“ Sie kennen den Satz aus der Tiefe der Erinnerung von sich selbst. Garantiert. Wenigstens von irgendeinem Fach. Ich nenne das die kleine Ohnmacht, die Schule bei den meisten Menschen hinterlässt. Weil wir Menschen auf ein System von jahrelangem benotet werden evolutionsbedingt überhaupt nicht eingestellt sind. Und weil wir Schule nicht so individualisiert betreiben können, dass man Noten nur als Orientierung benötigt, die man gerne bekommt, um zu sehen, wie man sich weiter verbessern kann. In so einer Klasse mit 30 Schülern sitzen ja einfach junge Menschen zusammen, die mit 13 Jahren einen Entwicklungsunterschied von bis zu 7 Jahren haben können. (Largo 2009). Wenn man Noten wirklich als absolutes Maß nimmt, dann benachteiligt man alle, die einfach erst später bestimmte Fähigkeiten erringen. Ich beschreibe das gerne mit folgendem Vergleich.

Wenn man ein Baby benoten würde, wie es sich bis zum Laufen hin entwickelt, dann würde das eine Baby bis zum früheren Laufen wie das andere dauernd mit guten Noten in der Welt herumkrabbeln, während man dem anderen dauernd dokumentiert, wie schlecht es ist. Wenn man die beiden immer zur selben Zeit mit dem selben Maßstab „prüft“. Dabei ist der, der später krabbelt, vielleicht später der bessere Läufer. Muss nicht sein, aber kann. Keiner kommt ja auf diese verrückte Idee, Babys zu benoten. Aber sobald die Schule losgeht, fängt das Spiel an. Eigentlich müsste man uns Menschen sehr verschieden einschulen – und das auch noch in den verschiedenen Fächern unterschiedlich. Weil auch da die Entwicklungsalter Gleichaltriger unglaublich auseinander klaffen. Das geht natürlich nicht. Außerdem würden sich Eltern von Jungen gewaltig dagegen wehren, wenn man ihnen eröffnen würde, dass aus Gerechtigkeitsgründen Jungs ab sofort zwei Jahre später eingeschult würden, damit man im Gymnasium die Unterschiede zu den Mädchen auf diese einfache Art abbauen würde. Weil es ja auch nur für den Durchschnitt gilt. Es gibt natürlich auch Jungs, die weiter entwickelt sind als gleichaltrige Mädchen. Aber im Schnitt liegen die Mädchen einfach vorne. Das war früher in den viel strengeren Schulen mit nicht so selbstbewussten Mädchen kein erkennbares Problem für die Jungs. Heute schon. Deshalb: Die Noten unter diesem Aspekt sehen hilft schon mal ein wenig. In dem Anfangsreferat für unsere Versetzungsgefährdetenbetreuung habe ich das für die Schüler/innen, die aus besagten Gründen hauptsächlich Schüler sind, so formuliert:

Das Entwicklungsalter eines Menschen ist nicht sein Lebensalter, sondern weicht immer davon ab. Nach Prof. Dr. Largo, einem Schweizer Kinderarzt, im Alter von 7 Jahren um eineinhalb Jahre „nach vorne und nach hinten“. Da sitzen also schon in der Grundschule junge Menschen zusammen, die einen Entwicklungsunterschied von 3 Jahren aufweisen. Trotzdem sind das aber einfach Siebenjährige in einer 2. Klasse, denen man den Entwicklungsunterschied nicht ansieht. Sie werden alle mit den gleichen Kriterien benotet. Klar. Wie auch anders. Niemand kennt genau sein Entwicklungsalter. Denn man weiß ja nie wirklich, ob es mangelnde Fähigkeit, mangelnde Aufnahmefähigkeit oder einfach spätere Entwicklung ist, wenn ein Kind nicht die guten Noten schreibt, die es so gerne sehen würde.

Später wird es noch extremer. Da sitzen lauter junge Menschen im gleichen Lebensalter von 13 Jahren in einer Klasse und doch kann es sein, dass da ein Junge mit einem Entwicklungsalter von achteinhalb und ein Mädchen mit einem Entwicklungsalter von 16 Jahren nach denselben Kriterien beurteilt und benotet werden. Siebeneinhalb Jahre Unterschied. Klar, das wäre ein Extremfall. Aber ich hoffe, man versteht spätestens hier, dass der Ruf nach Möglichkeiten des individuellen Lernens eine sehr ernste Grundlage hat.

Da schreibt ein Mensch mit hohem Mathematikverstand, aber späterer Entwicklung, nie besser als die Note 4, ist frustriert, glaubt nicht an sich und merkt nie, welche Fähigkeiten er mit sich herumträgt, weil alle immer gemeint haben, er sei zu blöde für Mathematik.

Noten sind Wegweiser. Mehr nicht. Das muss man hinbekommen. Es gibt leider noch kein Gerät, das einen unterscheiden lernt zwischen verzögerter Entwicklung und mangelnder Fähigkeit. Was bleibt ist nur eines: Auch mangelnde Fähigkeit kann man mit guter Arbeitshaltung wundervoll ausgleichen. Wenn man es kann. Deshalb muss lernen, es zu können. Man muss lernen, es zu wollen.

Noch komplexer wird es bei Feinuntersuchungen: Vergleicht man zum Beispiel Otto und Erwin, dann findet man zwei Jungs im Alter von 10 Jahren, bei denen die Sprachentwicklung um über 3 Jahre auseinanderklafft. Dass Otto die schlechteren Deutschnoten bekommt als Erwin ist klar. Obwohl Otto, wenn er mit 32 seine Doktorarbeit schreibt, von diesem „Mangel“ nichts mehr besitzen wird,wenn er nicht vorher aufgibt. Erwins Sozialverhalten ist dafür im zarten Alter von 10 Jahren noch um 4 Jahre hinter dem von Otto zurück, obwohl Erwin später vielleicht einmal Sozialarbeiter wird. Was sich in der Schule eigentlich nie jemand vorstellen konnte. Deshalb: Hände weg von Prognosen, was einmal aus Schülern wird. Speziell bei Jungs. Und bitte niemals von Noten auf spätere Erfolge oder Misserfolge schließen. Da liegt man sehr häufig weit daneben. Noten nur als Wegweiser nehmen, das ist die einfachste Möglichkeit.

Wer die Diagramme dazu sehen will, muss sich das Anfangsreferat als pdf herunterladen.

Fazit: Schule ist einfach ungerecht. Aber nicht wegen den Lehrern. Die sind viel besser als ihr Ruf. :-)

Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )